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Waldenser-Kirche
Vereinigung der Methodisten- und Waldenser-Kirchen

Lampedusa, nicht nur ein Symbol

carcassa di barcone a Lampedusa

Die Über­res­te der Boo­te, wel­che den Schiff­bruch über­stan­den ha­ben, sind auf einem Feld gleich ne­ben dem Ha­fen ge­sta­pelt. Sie sind stum­me Zeu­gen einer Tra­gö­die un­se­rer Zeit. Wa­rum sind sie noch da? Wa­rum wur­den sie nicht ver­nich­tet oder ent­sorgt? Wir wis­sen es nicht. Es scheint, dass der ita­lie­ni­sche Jus­tiz- und Ver­wal­tungs­ap­pa­rat noch nicht ent­schie­den hat, was ihr Schick­sal sein soll­te. Ich ge­he hin und will per­sön­lich se­hen, was uns die Me­di­en re­gel­mäs­sig zei­gen und was uns eben­so re­gel­mäs­sig er­schüt­tert: es sind klei­ne, al­te Boo­te, mit de­nen man sich nicht von der Küs­te ent­fer­nen soll­te. Doch die mo­der­nen Men­schen­händ­ler über­fül­len sie über je­des Mass mit Men­schen, die ge­zwun­gen sind, teu­er zu be­zah­len für die­se hals­bre­che­ri­sche Über­fahrt über das Mit­tel­meer, für ein we­nig Hoff­nung auf men­schen­wür­di­ges Le­ben, oder ein­fach nur, um dem küm­mer­li­chen Le­ben in ih­ren Her­kunfts­län­dern zu ent­flie­hen.

Ein Klein­las­ter mit Sol­da­ten. Sie be­wa­chen den Fried­hof von Schiffs­wracks. Oder den Weg, der da vor­bei führt? Es ist nicht klar. In der Tat ist die In­sel vol­ler Sol­da­ten und Po­li­zis­ten. “Und das ist noch nichts, jetzt, wo das Emp­fangs­zen­trum leer ist. Sie soll­ten es se­hen, wenn es voll ist”, er­zäh­len die Be­woh­ner der klei­nen evan­ge­li­schen De­le­ga­ti­on, der ich an­ge­hö­re. Und ja, die­se klei­ne In­sel — nur 40 km² (in einer hal­ben Stun­de kann man sie um­run­den), mit 6'000 Ein­woh­nern, in­mit­ten des Mit­tel­meers, nä­her an Tu­ne­si­en und an Li­by­en als an Si­zi­li­en (11 Stun­den mit der Fäh­re nach Por­to Em­pe­do­cle, Ag­ri­gen­to) — ist zur heis­sen Gren­ze nicht nur Ita­li­ens, son­dern auch Euro­pas ge­wor­den. Dies wird durch die zahl­rei­chen Pat­rouil­len­fahr­zeu­ge der Ha­fen­meis­te­rei und der Guar­dia di Fi­nan­za vor An­ker im Ha­fen be­stä­tigt, un­zu­gäng­lich für die Öf­fent­lich­keit. Sie wer­den ge­braucht, um die Über­le­ben­den auf dem Mees zu er­rei­chen und hier zum Bus zu brin­gen, der sie ins Auf­nah­me­zen­trum trans­por­tiert. Die­ses von einem ho­hen Zaun um­schlos­sen und wird durch das Mi­li­tär und die Po­li­zei kon­trol­liert.

migranti a Lampedusa
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Das Emp­fangs­zen­trum. Da soll­ten die Über­le­ben­den vom Meer Hil­fe be­kom­men, in­nert ma­xi­mal 48 Stun­den, dann soll­ten sie wei­ter­ge­lei­tet wer­den. Sie soll­ten! In Tat und Wahr­heit ver­brin­gen sie da Wo­chen, in einer Si­tua­ti­on hoff­nungs­lo­ser Über­fül­lung. Ein Zen­trum, das nicht ein­mal über eine Kan­ti­ne ver­fügt! Ich fra­ge, “Und wo es­sen sie?, und er­hal­te die Ant­wort: “Auf dem Bo­den, ste­hend, wo­im­mer halt”. Ein Zen­trum, wo die Tü­ren der Toi­let­ten und die Vor­hän­ge von den Du­schen ent­fernt wur­den (“Aus Si­cher­heits­grün­den”, so woll­te es ein ge­wis­ser Be­am­ter des In­nen­mi­nis­te­ri­ums). Jetzt, nach den Skan­da­len in den Zei­tun­gen, in­stal­lie­ren sie Tü­ren und Vor­hän­ge wie­der. Zum Zen­trum führt eine ge­ra­de Stras­se, in der Nacht gut be­leuch­tet durch ho­he Lam­pen, die ge­nau am Git­ter­tor des Zen­trums­zauns en­det. Gleich da­nach fol­gen drei weis­se Schil­der mit dem Lo­go «MIUR» (Mi­nis­te­ri­um für Bil­dung). Hier sol­len die Kin­der der Schiff­brü­chi­gen zur Schu­le ge­hen. Drin­nen gibt es kei­nen Raum, nicht mal für eine Wand­ta­fel, al­les ist draus­sen. An­der­seits wie­so soll­te man in einem Emp­fangs-Zen­trum, wo ein Auf­ent­halt von höch­stens 48 Stun­den vor­ge­se­hen ist, über­haupt Schul­räu­me planen?

Theore­tisch darf man das Zen­trum nicht mehr ver­las­sen. Tat­säch­lich gibt es aber ein Loch im Zaun an der einen Sei­te. Da kön­nen die Leu­te raus und ge­hen aussen am Tor an den Wa­chen vor­bei (es gibt kei­nen an­de­ren Weg) in die Stadt. Da­nach kom­men sie auf dem glei­chen Weg zu­rück und schlüp­fen durch das Loch im Zaun wie­der ins Zen­trum. Die Form ist ge­wahrt, das Tor ist ge­schlos­sen, und dank dem Loch im Zaun platzt das Zen­trum nicht aus al­len Näh­ten. “Wir sind in Ita­li­en”, den­ke ich et­was ver­bit­tert.

migranti a Lampedusa
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Im Rat­haus, und dann in der Zen­tra­le von Ra­dio Del­ta (die lo­ka­le Ra­dio­sta­ti­on, wel­che dank der Fi­nan­zie­rung durch die 8‰-Re­gel ¹) der Wal­den­ser-und Me­tho­dis­ten­kir­chen in Be­trieb kam), hö­ren wir die Ge­schich­te vom har­ten Le­ben der Be­woh­ner die­ses klei­nen Land­strei­fens, weit ab­ge­le­gen, zwi­schen der Ver­gan­gen­heit von See­fah­rern und einer Ge­gen­wart des Som­mer-Tou­ris­mus’. Wor­te, die nicht pas­sen wol­len zur Mi­li­ta­ri­sie­rung und Zur­schau­stel­lung der lei­den­den Men­schen, die uns er­rei­chen von jen­seits des Mee­res. “Es sind Men­schen, das dür­fen wir nie­mals ver­ges­sen”, wie­der­ho­len sie im­mer wie­der.

Es sind die­se Be­woh­ner von Lam­pe­du­sa, die uns er­mu­ti­gen, ein Pro­jekt an die Hand zu neh­men, das uns mehr en­ga­giert bei der Auf­nah­me die­ser Leu­te, in Si­zi­li­en und Ita­li­en. Und die Ein­rich­tung einer In­for­ma­tions­stel­le, die hof­fent­lich die Ita­lie­ner, die Po­li­ti­ker, die na­tio­na­len und euro­päi­schen In­sti­tu­tio­nen ge­nü­gend sen­si­bi­li­sie­ren kann für ein The­ma, das nicht nur auf die öf­fent­li­che Ord­nung oder die mi­li­tä­ri­sche Ab­wehr der il­le­ga­len Im­mi­gra­ti­on re­du­ziert wer­den kann.

Die In­sel ist nicht nur eine Tü­re der Mi­gra­ti­ons­strö­me nach Euro­pa, sie hat auch Sym­bol­cha­rak­ter er­hal­ten und wur­de ein The­ma der in­ter­na­tio­na­len Po­li­tik. Da­her wol­len wir von die­ser In­sel aus einen Auf­ruf rich­ten an die Kir­chen Ita­li­ens und an un­se­re öku­me­ni­schen Part­ner in Euro­pa und welt­weit. Lam­pe­du­sa ist nicht nur die äus­ser­ste süd­li­che Gren­ze von Ita­li­en und Euro­pa; es ist auch eine ech­te Tü­re für den Dia­log zwi­schen Nord und Süd die­ser Welt.

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Eugenio Bernardini

7. März 2014


¹) Otto per Mille: Im Jahr 1993 ha­ben sich die Wal­den­ser- und Me­tho­dis­ten­kir­chen Ita­li­ens ent­schie­den, von den Vor­tei­len des Ge­set­zes zum "8‰"-Topf der IRPEF (im­po­sta sul red­di­to del­le per­so­ne fi­si­che / staat­li­che Ein­kom­mens­steu­er für na­tür­li­che Per­so­nen) zu pro­fi­tie­ren und den Zu­griff auf den Topf zu er­lan­gen. Bei die­ser Ent­schei­dung hat die Sy­no­de jedoch gleich­zei­tig eine Leit­li­nie be­schlos­sen, die be­sagt, dass die er­hal­te­nen Be­trä­ge nicht für got­tes­dienst­li­che Zwec­ke (wie Ent­löh­nung der Pas­to­ren, re­li­giö­se Ak­ti­vi­tä­ten der Kir­che) ver­wen­det wer­den dür­fen, son­dern aus­schliess­lich für Pro­jek­te im Rah­men von ka­ri­ta­ti­ver, so­zia­ler und kul­tu­rel­ler Ent­wick­lung, und dass 30% der Ge­samt­sum­me für Pro­jek­te in Ent­wick­lungs­län­dern in Part­ner­schaft mit in­ter­na­tio­na­len Or­ga­ni­sa­tio­nen, Or­dens­leu­ten und Lai­en ver­wen­det wer­den müs­sen.
Otto per Mille

(Aus ❝Appunti del moderatore❞ von www.chiesavaldese.org [italienisches Original])