Zurück

Nachrichten aus Riesi

(Deutscher Teil aus dem Mitteilungsblatt
April 2013)

Titelblatt
Titelblatt
Titelblatt

Zwei­mo­nat­li­ches Bul­le­tin des Ser­vi­zio Cris­tia­no Wal­den­ser-In­sti­tut
Nr. 1+2, Jan./Feb. + März/April 2013 — 52. Jg.248

«Die Frucht aber der Ge­rech­tig­keit wird ge­sät im Frie­den mit de­nen, die den Frie­den hal­ten.»
Jakobus 3, 18

 

Editorial

Von Gianlu­ca Fiu­sco

Als ich das Haus be­tre­te er­wei­tern sich mei­ne Pu­pil­len im Halb­schat­ten des Ein­gangs. Die Wän­de sind nackt: kei­ne Fo­tos, kei­ne Bil­der. Nur ein gro­ßer ge­schlos­se­ner Schrank und eine Koch­ec­ke mit zwei Gas­stel­len und einem klei­nen Wasch­bec­ken, da­ne­ben ein Turm ab­ge­wa­sche­ner Tel­ler. Ne­ben den Tel­lern liegt ein Me­tall­schwamm für die Töp­fe und ein Ge­schirr­hand­tuch.

“Kom­men Sie her­ein, Herr Di­rek­tor, neh­men Sie Platz”; sagt mir die Stim­me des Va­ters, der mich bei sich zu Hau­se emp­fängt, in die­ser nack­ten, schmuck­lo­sen Woh­nung, die eine an­ders­wo un­vor­stell­ba­re Wür­de in sich birgt. Der Grund, der mich an der Tü­re dieser Fa­mi­lie klop­fen ließ, ist die Art und Wei­se, wie ihr Kind in die­sen kal­ten Ta­gen zur Schu­le kommt: mit einer ab­ge­nutz­ten Jac­ke und dar­un­ter trägt es einen Pull­over, der sehr dünn ist, weil ihn vor ihm sei­ne Ge­schwis­ter ge­tra­gen ha­ben.

Die Leh­re­rin­nen ha­ben dies­en Win­ter schnell be­merkt, dass bei der Käl­te eini­ge Kin­der krank sind und häu­fig nicht wie­der ge­sund wer­den. Sie be­kom­men ge­rin­ge oder gar kei­ne Pfle­ge, so wer­den die Er­käl­tun­gen chro­nisch und ge­fähr­lich. Oft kom­men die Kin­der in ih­rer Klas­se nicht mehr mit, wenn sie krank wa­ren und des­halb lan­ge Zeit zu­hau­se blie­ben. Es kommt zu einer Ver­schlech­te­rung der Leis­tung in der Schu­le, die die Kin­der nicht mehr auf­ho­len kön­nen. Sie blei­ben zu­rück und kön­nen nicht mehr am Ler­nen teil­neh­men. So wird die Si­tua­ti­on für Kin­der, die so­wie­so schon aus pre­kä­ren Fa­mi­li­en kom­men, noch schwie­ri­ger.

Keh­ren wir zu­rück zum Tref­fen mit der F­ami­lie, in­zwi­schen ist die Mut­ter da­zu ge­sto­ßen. Ich ver­su­che ver­le­gen das Prob­lem an­zu­ge­hen. Mir wird so­fort klar, dass ich, mit mei­ner so­zia­len Her­kunft, mei­nem täg­li­chen Wohl­be­fin­den, wenn ich auch nicht über­trie­ben reich bin, ver­gli­chen mit der Ar­mut in Rie­si, in einer pri­vi­le­gier­ten Po­si­ti­on bin. Das ist eine wei­te­re Bar­rie­re, die ich über­win­den muss, um mit der Fa­mi­lie in Kon­takt tre­ten zu kön­nen. Mir wird Kaf­fee an­ge­bo­ten und ob­wohl ich be­kannt­lich nie Kaf­fee trin­ke, klam­me­re ich mich an die­ses An­ge­bot, die­se Mög­lich­keit die Di­stanz zwi­schen uns zu ver­klei­nern. Der Kaf­fee wird ser­viert und die pein­li­che Stim­mung steigt, statt ab­zu­neh­men. Es gibt nur zwei Tas­sen, nor­ma­ler­wei­se für die bei­den Ehe­leu­te, die­ses Mal für mich und den Fa­mi­li­en­va­ter. Ich den­ke be­trübt, dass ich jetzt auch noch da­zu bei­ge­tra­gen ha­be, dass die Frau aus­ge­schlos­sen ist, aber die Ein­fach­heit und Spon­ta­nei­tät der Ehe­leu­te über­ra­schen mich: der Mann schiebt, be­vor er trinkt, die Tas­se sei­ner Frau zu.

In diesem ehr­li­chen fa­mi­liä­ren Ge­sche­hen fin­de ich die Wor­te wie­der und ver­su­che mit ih­nen in Aus­tausch zu tre­ten. Die­ser ehr­wür­di­gen, ar­men Fa­mi­lie Al­mo­sen an­zu­bie­ten wä­re eine gro­be Be­lei­di­gung und der Ser­vi­zio Cris­tia­no will auch kei­ne Al­mo­sen ge­ben und da­mit neue Ab­hän­gig­kei­ten schaf­fen. Aber das Prob­lem be­steht und muss schleu­nigst ge­löst wer­den. Klei­der zu kau­fen wä­re si­cher eine Hil­fe ge­gen die Käl­te, aber kei­ne Lö­sung für die Fa­mi­li­en­si­tua­ti­on.

Die lokalen In­sti­tu­tio­nen sind von schwe­ren Schlä­gen be­trof­fen. Die Re­gie­run­gen le­gen oft Hand an, oh­ne an die weit rei­chen­den Fol­gen zu den­ken. Sie kür­zen und strei­chen die Gel­der der lo­ka­len Ein­rich­tun­gen. Die Ge­mein­den sind un­ter gro­ßem Druck, weil auf der einen Sei­te die Fi­nan­zen drüc­ken und auf der an­de­ren Sei­te lau­fen­de Aus­ga­ben, nicht ent­behr­li­che Dien­ste und die Löh­ne der An­ge­stell­ten zu zah­len sind. Schluss­end­lich sind es die Schwäch­sten in un­se­rer Ge­sell­schaft, die den Preis da­für zah­len. Die­je­ni­gen, die am we­nig­sten ha­ben und in Zu­kunft noch we­ni­ger ha­ben wer­den. Es ist wie in der Nach­kriegs­zeit, nur dass es kei­ne Aus­sicht auf den Wirt­schafts­auf­schwung in Ita­li­en gibt. Der Sü­den ist be­reits in gro­ßen so­zi­al­öko­no­mi­schen Schwie­rig­kei­ten und ris­kiert noch wei­ter ab­zu­rut­schen.

Riesi
Riesi

Es gibt nicht vie­le Mög­lich­kei­ten, aber es könn­ten wel­che ge­fun­den wer­den. Wäh­rend sich die gro­ßen Wirt­schaft­shaie zu­sam­men­schlie­ßen, um ihre Spe­ku­la­tio­nen zu be­trei­ben und ih­re Pri­vi­le­gi­en zu er­hal­ten und sich ge­gen die For­de­run­gen de­rer, die nicht mehr le­ben kön­nen ver­tei­di­gen, sind wir auf­ge­for­dert uns eben­so zu­sam­men zu schlie­ßen und ein Netz zu bil­den. Ein Netz der So­li­da­ri­tät, sta­bil und wirk­sam. Die Mög­lich­kei­ten et­was für un­se­re näch­sten Men­schen zu tun, wer­den we­ni­ger, das ist wahr. Aber es gibt sie und nur in der Ge­mein­schaft kön­nen sie er­hal­ten blei­ben. Ein Netz der So­li­da­ri­tät heißt nicht nur zu tei­len, was ich ha­be, son­dern such das, was ich bin, was ich kann und weiß.

Es müs­sen drin­gend Brüc­ken ge­baut wer­den, Aus­we­ge aus der Kri­se, die den Fa­mi­li­en und Kin­dern in Rie­si die Luft zum At­men nimmt, müs­sen ge­fun­den wer­den. Ich bin be­reit die­se So­li­da­ri­tät zu stär­ken, ein Netz zu knüp­fen, in dem ich dar­über in­for­mie­re, Kon­tak­te her­stel­le. Die Ak­ti­vi­tä­ten des Ser­vi­zio Cris­tia­no müs­sen auf­ge­teilt wer­den, zwi­schen Freund­In­nen, Ver­wand­ten, Be­kann­ten und Men­schen, die ich noch nicht ken­ne, die nichts wis­sen von die­sem ein­sa­men Pos­ten der Hoff­nung in Si­zi­li­en. Wir ha­ben hier an­ge­fan­gen Er­fah­run­gen zu tei­len, uns zu ver­net­zen, um einen Aus­weg aus der Ein­sam­keit und Ar­mut zu fin­den.

Dieser Fa­mi­lie zu hel­fen, in einen Dia­log zu tre­ten, Zu­sam­men­halt zu schaf­fen, eine mensch­li­che Ge­mein­schaft zu bil­den, war der ers­te Schritt. Das Prob­lem ge­mein­sam an­zu­ge­hen, hat die Auf­merk­sam­keit öf­fent­li­cher Äm­ter er­regt: die Hei­zung in ih­rem öf­fent­li­chen Wohn­haus wur­de in Be­trieb ge­setzt, Su­per­märk­te stel­len Le­bens­mit­tel, die fast ab­ge­lau­fen sind, be­reit, um die­ser und an­de­ren Fa­mi­lie zu er­mög­li­chen, je­den Tag et­was zu es­sen zu ha­ben. Eini­ge Se­cond­hand­lä­den aus Nord­ita­li­en und Deutsch­land ha­ben uns Klei­dung ge­schickt, um ge­gen die Käl­te an­zu­kom­men. Das Netz der So­li­da­ri­tät ist wie ein mensch­li­cher Kör­per: ein Komp­lex ver­schie­de­ner Or­ga­ne: es gibt Augen, Oh­ren, Hän­de, Mus­keln und Fü­ße. Al­le Men­schen nüs­sen die Mög­lich­keit Augen, Oh­ren, Hän­de oder Fü­ße in die­sem Netz zu sein er­grei­fen, um der Hoff­nungs­lo­sig­keit, die uns zu über­wäl­ti­gen droht, et­was ent­ge­gen zu set­zen.

Als Ser­vi­zio Cris­tia­no kön­nen wir viel da­für tun, die­ses Netz der So­li­da­ri­tät zu stär­ken in Si­zi­li­en und in Rie­si. Aber es geht nur, wenn zu un­se­ren Augen und Oh­ren auch eure Augen, eure Oh­ren, eure Hän­de und Fü­ße kom­men, um ge­mein­sam zu han­deln und zu qe­hen.

 

Unter­su­chun­gen zur Lern­be­hin­de­rung in Riesi

Von Rosalia Baldi

Bei einer Lern­be­hin­de­rung sind in der Re­gel ver­schie­de­ne geis­ti­ge Fä­hig­kei­ten des Kin­des, die in der Schu­le ge­braucht wer­den, in der Ent­wick­lung be­ein­träch­tigt. Die Lern­stö­rung be­trifft die Fä­hig­kei­ten des Le­sens, Schrei­bens und Rech­nens. Je nach dem, wel­che Funk­tio­nen be­trof­fen sind, wer­den sie mit den fol­gen­den Be­zeich­nun­gen spe­zi­fi­ziert: Le­ga­sthe­nie, LRS (Le­se- und Recht­schreib­schwä­che}, Re­chen­schwä­che.

In den letz­ten Jah­ren konn­ten wir eine schritt­wei­se Er­hö­hung der Zahl der Stu­di­en und For­schungs­ar­bei­ten be­obach­ten. Die stei­gen­de An­zahl der lern­be­hin­der­ten Kin­der an den Schu­len und die neu­en Re­ge­lun­gen sei­tens der Ge­setz­ge­bung zum The­ma führ­ten zu einem grö­ße­ren In­ter­es­se an der Er­ar­bei­tung und Ak­tua­li­sie­rung von Lern­me­tho­den für Kin­der mit Lern­schwie­rig­kei­ten. Auf­grund die­ser Si­tua­ti­on wur­de vom Fach­per­so­nal der Be­ra­tungs­stel­le des Ser­vi­zio Cris­tia­no ein Pro­jekt auf­ge­gleist, um die Lern­schwie­rig­kei­ten der Kin­der recht­zei­tig mit­tels wis­sen­schaft­lich gül­ti­ger Tests zu er­ken­nen. Wei­ter soll eine Leis­tungs­stei­ge­rung bei den Fä­hig­kei­ten, die die Grund­la­ge für den Bil­dungs­er­folg dar­stel­len, re­ali­siert wer­den.

Die Um­set­zung die­ses Pro­jekts be­gann im No­vem­ber mit der Durch­füh­rung der Tests PRCR-2 (1992) für den letz­ten Kin­der­gar­ten-Jahr­gang und die ers­te und zwei­te Klas­se un­se­rer Grund­schu­le so­wie der staat­li­chen Grund­schu­le “San D­ome­ni­co Sa­vio”. Die­se Tests prü­fen auf ein­fa­che und schnel­le Wei­se die vor­han­de­nen Fä­hig­kei­ten im Le­sen und Schrei­ben, wie auch die Fä­hig­keit der op­ti­schen Wahr­neh­mung. Dar­über hin­aus wird das Ver­mö­gen, der Text­aus­rich­tung von links nach rechts zu fol­gen ge­prüft, das Un­ter­schei­den der un­ter­schied­li­chen Lau­te eines Wor­tes und die Fä­hig­keit, die­se so lan­ge wie not­wen­dig im Ge­dächt­nis be­hal­ten zu kön­nen, um sie zu le­sen und zu schrei­ben. Die Tests be­tref­fen auch die Fä­hig­keit, Seh- und Hör­rei­ze zu ver­bin­den und ein men­ta­les Le­xi­kon zu kon­stru­ie­ren, wel­ches er­mög­licht, die Wor­te in ih­rer Ge­stalt zu er­ken­nen.

Die erste Pha­se des Pro­jekts wur­de mit der Be­kannt­ga­be der Er­geb­nis­se an die Leh­rer­in­nen und Leh­rer der be­tref­fen­den Klas­sen und der Or­ga­ni­sa­ti­on von Kur­sen zur Ver­bes­se­rung der Si­tua­ti­on ab­ge­schlos­sen. Durch die Tests konn­te er­mit­telt wer­den, dass vie­le un­se­re Kin­der­gar­ten­kin­der Schwä­chen bei der vi­su­el­len Wahr­neh­mungs­ver­ar­bei­tung ha­ben. Dar­über hin­aus be­ste­hen Män­gel bei der Orien­tie­rung von links nach rechts und bei der Un­ter­schei­dung und Ver­ar­bei­tung der pho­no­lo­gi­schen Lau­te. In den ers­ten Klas­sen be­tra­fen die meis­ten Schwie­rig­kei­ten die Wahr­neh­mung der Lau­te, die­se im Ge­dächt­nis zu be­hal­ten und gleich­zei­tig zu ver­einen. Auch die Fä­hig­keit, vi­su­el­le und audi­ti­ve Wahr­neh­mun­gen zu ver­bin­den, be­rei­te­te den Kin­dern Schwie­rig­kei­ten. Das Ver­mö­gen der räum­li­chen Orien­tie­rung und das Bil­den eines men­ta­len Le­xi­kons sind eben­falls nicht gut aus­ge­bil­det.

Durch den Ver­gleich der Test­er­geb­nis­se in den ver­schie­de­nen Klas­sen der bei­den Grund­schu­len geht her­vor, dass die Schwie­rig­kei­ten über­ein­stim­men und nur der Pro­zent­an­teil der Kin­der dies­be­züg­lich va­ri­iert. Auf­fäl­lig ist, dass in Klas­sen, die von den­sel­ben Leh­rer­inn­en und Leh­rern un­ter­rich­tet wer­den, der Pro­zent­satz der Kin­der, die Schwie­rig­kei­ten ha­ben, von Klas­se zu Klas­se schwankt. Mit den Kin­dern der 3., 4. und 5. Klas­se ha­ben wir Tests zur Prü­fung des Le­se­ver­ständ­nis­ses durch­ge­führt. Es wer­den wei­te­re Tests zur Er­mitt­lung der Rich­tig­keit und Schnel­lig­keit beim Le­sen so­wie Ma­the­ma­tik­tests fol­gen. In­zwi­schen konn­ten wir in un­se­ren Schu­len be­reits die Ak­ti­vi­tä­ten zur Leis­tungs­stei­ge­rung be­gin­nen.

Die Um­set­zung des Pro­jekts ist mög­lich dank der Zu­sam­men­ar­beit der Leh­rer­in­nen und Er­zie­her­in­nen un­se­rer bei­der Schu­len und der Hil­fe von Frei­wil­li­gen und Prak­ti­kant­In­nen von der Uni­ver­si­tät Ca­ta­nia (psy­cho­lo­gi­sche Fa­kul­tät). Für das Pro­jekt zur För­de­rung lern­be­hin­der­ter Kin­der ist eine Aus­wer­tung des Zwi­schen­stands und eine ab­schlie­ßen­de Be­wer­tung vor­ge­se­hen, um den Fort­schritt der Leis­tungs­stei­ge­rung in den ge­tes­te­ten Fer­tig­kei­ten fest­zu­stel­len. Außer­dem sol­len die bis­he­ri­gen Er­geb­nis­se bei der wei­te­ren Ent­wick­lung der Me­tho­den und Ubun­gen be­rück­sich­tigt wer­den, um letzt­end­lich ein ef­fek­ti­ves Ler­nen zu för­dern.

 

Die Arbeit der Beratungsstelle

Von Nuccia Burgio

In den letz­ten Jah­ren wur­den die Ak­ti­vi­tä­ten der Be­ra­tungs­stel­le des Ser­vi­zio Cris­tia­no mit be­son­de­rem Augen­merk auf die so­zia­len Prob­le­me von Frau­en und Kin­dern er­wei­tert. Die “Edu­ca­ti­va Do­mi­ci­lia­re” [SED] wur­de spe­zi­ell für den Um­gang mit dem Un­be­ha­gen von Min­der­jäh­ri­gen so­wie zur Stär­kung der Fa­mi­lie ge­grün­det. Wir ha­ben fest­ge­stellt, dass es not­wen­dig ist, in Si­tua­tio­nen von fa­mi­liä­ren Schwie­rig­kei­ten, von Be­zie­hungs­schwie­rig­kei­ten und von so­zia­len Schwie­rig­kei­ten von Kin­dern im Al­ter zwi­schen 7 und 16 ein­zu­grei­fen. Wenn die­se In­ter­ven­tio­nen nicht statt­fin­den, führt dies wahr­schein­lich zu so­zia­ler Aus­gren­zung oder zu ab­wei­chen­dem Ver­hal­ten (Mob­bing, Van­da­lis­mus, Klein­kri­mi­na­li­tät).

Die "SED" kann, dank der Ar­beit von Er­zie­hern im fa­mi­liä­ren Kon­text, zur Ent­wick­lung von Min­der­jäh­ri­gen und zu gu­ten Be­zie­hungs­dy­na­mi­ken in­ner­halb und außer­halb der Fa­mi­lie bei­tra­gen. Die "SED" ist auch ein sehr nütz­li­ches In­stru­ment, um die so­zia­le Ein­glie­de­rung von ge­fähr­de­ten Min­der­jäh­ri­gen zu ver­bes­sern. Die Maß­nah­me wird durch einen Er­zie­her durch­ge­führt, der an drei Ta­gen pro Wo­che für einen Zeit­raum von 2 Stun­den ins Haus der Fa­mi­lie kommt. Ver­schie­de­ne Ge­schich­ten, mit de­nen wir in Kon­takt kom­men, be­schrei­ben, wie je­de Fa­mi­lie von un­ter­schied­li­chen Dy­na­mi­ken und Be­dürf­nis­sen ge­prägt wird.

Manchmal hal­ten wir in­ne, um an all die Kin­der zu den­ken, die wir durch die­se Ar­beit ken­nen ge­lernt ha­ben, und dar­an, wie sie schon so klein in Er­eig­nis­se, Ge­schich­ten und Ge­füh­le in­vol­viert wa­ren, die sie für ihr Le­ben ge­kenn­zeich­net ha­ben. Wenn wir sie auf der Stra­ße tref­fen, kom­men man­che zu uns, um uns zu um­ar­men und uns an­zu­lä­cheln.

So wie Te­re­sa mit den gro­ßen Augen und dem vol­len Haar, das ihr ha­ge­res Ge­sicht ver­deck­te. Ein acht­jäh­ri­ges Mäd­chen, auf das uns die Schu­le hin­ge­wie­sen hat­te, weil es im­mer trau­rig war, eine Nei­gung zu wei­nen hat­te, sich wei­ger­te zu es­sen und an­dau­ern­de Kopf- und Bauch­schmer­zen hat­te. Hin­ter all die­sen “Sig­na­len”; war sei­ne Ge­schich­te ver­steckt. Die Ge­schich­te eines Le­bens, das es mit sei­ner Mut­ter und sei­nen bei­den äl­te­ren Brü­dern teil­te: der Va­ter leb­te, we­gen der Ar­beits­lo­sig­keit, die das Land pla­gen, seit zehn Jah­ren im Nor­den. Der Va­ter war so­wohl phy­sisch als auch emo­tio­nal kaum an­we­send, was — zu­sam­men mit der geo­gra­phi­schen Di­stanz — zu einer af­fek­ti­ven Di­stanz führ­te, er hat­te sich schließ­lich von der Fa­mi­lie ent­fernt und ein neu­es Le­ben mit einer an­de­ren Frau auf­ge­baut. Folg­lich war die Be­zie­hung mit Te­re­sas Mut­ter von an­dau­ern­den Strei­tig­kei­ten und Ge­walt auch in der Ge­gen­wart der Kin­der ge­prägt. Die Mut­ter des Mäd­chens, die psy­chisch so la­bil war, dass sie die Be­zie­hung ih­res Man­nes mit der an­de­ren Frau ak­zep­tier­te, hat­te die Kin­der in die­se Si­tua­ti­on von schwer­wie­qen­der Ver­wir­rung mit hin­ein­ge­zo­gen. Eine Si­tua­ti­on, die sich ver­schlim­mer­te, als der Va­ter von der Po­li­zei ver­haf­tet wur­de. Die Ver­haf­tung, die Ent­fer­nung und die Ar­mut der Fa­mi­lie, die nicht über das Geld für eine Rei­se in den Nor­den ver­füg­te, hat­te es den Kin­dern schließ­lich un­mög­lich ge­macht, ih­ren Va­ter wie­der­zu­se­hen.

Der älteste Sohn, der Bru­der von Te­re­sa, war al­so ge­zwun­gen, sein Stu­di­um auf­zu­ge­ben und sich mit nur 20 Jah­ren um den Le­bens­un­ter­halt der Mut­ter und sei­ner Ge­schwis­ter zu küm­mern. Dar­auf­hin wur­de der an­de­re, ge­ra­de mal 15-jäh­ri­ge Bru­der von Te­re­sa zu­neh­mend ag­gres­siv, be­gann Freund­schaf­ten zu pfle­gen, die ihn in ge­fähr­li­che Si­tua­tio­nen brach­ten und sich je­der fa­mi­liä­ren Kon­trol­le zu ent­zie­hen. Auch er woll­te die Schu­le nicht ab­schlie­ßen, wäh­rend Te­re­sa mehr und mehr un­ter dem Feh­len des Va­ters und dem feh­len­den Ru­he­pol Fa­mi­lie litt.

Dank der "SED" konn­ten wir eini­ges er­rei­chen: Wir konn­ten Te­re­sa und ih­rem Bru­der die Fä­hig­keit wie­der­ge­ben, bes­ser mit ih­ren Emo­tio­nen um­zu­ge­hen und selbst­zer­stö­re­ri­sches Ver­hal­ten so­wie Selbst­ver­let­zun­gen zu ver­mei­den. Gleich­zei­tig ha­ben wir die Mut­ter un­ter­stützt, so­wohl psy­chisch als auch in Be­zug auf die Kin­der­er­zie­hung ih­re Wür­de als Frau und Ehe­frau ge­gen­über der bis da­hin herr­schen­den Fi­gur des Va­ters zu­rück­zu­er­lan­gen.

Eine Ar­beit, die 18 Mo­na­te dau­er­te und die Te­re­sa ih­re Ge­las­sen­heit und die Fä­hig­keit, mit Schwie­rig­kei­ten um­zu­ge­hen, wie­der­gab, oh­ne dass sie da­zu ih­re Fa­mi­lie ver­las­sen muss­te. Aber vor al­lem Te­re­sas Mut­ter, die ih­re Zer­brech­lich­keit in der Ver­gan­gen­heit er­kannt hat, ist heu­te eine Frau, die ar­bei­tet, die kla­re Vor­stel­lun­gen hat und die be­schlos­sen hat, die De­mü­ti­gung ih­rer Rol­le nicht zu ak­zep­tie­ren, und be­gon­nen hat, ihr Le­ben ge­mein­sam mit ih­ren Kin­dern auf­zu­bau­en.

 

Eine kleine Erinnerung an Paul Oertli

Von Gianni Rostan

Am 12. Novem­ber hat in der re­for­mier­ten Kir­che von Bü­lach (Zü­rich) die Be­er­di­gung von Paul Oert­li statt­ge­fun­den, seit lan­ger Zeit Freund der Wal­den­ser und in­sbe­son­de­re des Ser­vi­zio Cris­tia­no und sei­ner Me­cha­ni­ker­schu­le. An der Be­er­di­gung hat auch eine klei­ne De­le­ga­ti­on aus Rie­si und Mai­land teil­ge­nom­men, so­wie vie­le Schwei­zer Freund­In­nen und eini­ge Mit­ar­bei­ter­In­nen schon aus den ers­ten Jah­ren der Exi­stenz des Ser­vi­zio Cris­tia­no.

Gruppo residenti
Gruppe von Freiwilligen
Gruppo residenti
Gruppe von Freiwilligen

Paul wur­de am 24. März 1920 in Zü­rich ge­bo­ren, er wur­de al­so 92 Jah­re alt. Vie­le Jah­re lang lei­te­te er die Fir­ma Oert­li, die Frä­sen zur Holz­be­ar­bei­tung her­stellt. Mit den Wal­den­sern ist er in Kon­takt ge­kom­men, weil es dem Pfar­rer Tul­lio Vi­nay, in der Schweiz auf der Su­che nach einem Markt für die Aus­zu­bil­den­den der Me­cha­ni­ker­schu­le des Ser­vi­zio Cris­tia­no, ge­lun­gen war, ihn über Pfar­rer Hel­ler aus Bü­lach zu kon­tak­tie­ren und auch zu über­zeu­gen, “eine Hand zu rei­chen”: Von da an hat Paul sich treu en­ga­giert, in­mit­ten vie­ler Schwie­rig­kei­ten und auch ernst­haf­ten Prob­le­men mit der Füh­rung einer klei­nen Fab­rik, die in der Zwi­schen­zeit, in den Jah­ren 1973-74, in Rie­si ent­stan­den ist. Die­ser klei­nen Fab­rik hat Paul viel Zeit und viel Res­sour­cen ge­wid­met und auch viel Ge­duld, mit einer Hin­ga­be und Groß­zü­gig­keit, die al­len in Er­in­ne­rung blei­ben wird, die mit ihm ha­ben ar­bei­ten kön­nen. Er war nicht nur ein in ganz Euro­pa be­kann­ter und ge­schätz­ter Fach­mann, son­dern auch ein Lehr­meis­ter. Er hat nie auf­ge­hört, sei­ne Mit­ar­bei­ter zu un­ter­rich­ten, so­wohl in den Ge­heim­nis­sen der Holz­ver­ar­bei­tung als auch in der wirt­schaft­li­chen Füh­rung eines klei­nen In­du­strie­un­ter­neh­mens.

Es gab nicht nur die Fab­rik, es gab auch, nicht weit ent­fernt, den Ser­vi­zio Cris­tia­no. Mit einer Grup­pe schwei­zer Freun­den hat Paul ein Hilfs­netz­werk er­schaf­fen, das es­sen­ti­ell für die Fi­nan­zen des Ser­vi­zio Cris­tia­no war und im­mer noch ist, wie zu Be­ginn der in­du­stri­el­len Tä­tig­keit mit der Be­reit­stel­lung von Spe­zi­al­werk­zeug, Wis­sen, tech­ni­scher Un­ter­stüt­zung und Be­stel­lun­gen von Frä­sen für den Ver­kauf auf dem euro­päi­schen Markt.

Mit den Jahren ent­wic­kel­te sich eine Freund­schaft zwi­schen Paul Oert­li und Tul­lio Vi­nay. Sie ent­spricht der Freund­schaft und Lie­be, die Paul Oert­li im­mer dem Ser­vi­zio Cris­tia­no und — all­ge­mein — Si­zi­li­en und den Si­zi­lia­nern ent­ge­gen­ge­bracht hat. Ein Zeug­nis die­ser ge­gen­sei­ti­gen Freund­schaft und Lie­be ist das be­mer­kens­wer­te Ge­flecht von per­sön­li­chen Freund­schaf­ten, die sich im Lauf der Zeit ent­wic­kelt ha­ben.

Paul Oert­li, ein sel­te­nes Bei­spiel für Freund­schaft, Kon­se­quenz und Sen­si­bi­li­tät.

 

Spenden

Für wer uns unterstützen möchte
 

Deutschland
(mit Vermerk: “Für Servizio Cristiano, Riesi”)
Freundeskreis der Waldenser-Kirche e.V.
c/o Pfr.in Cordula Altenbernd
Elsaßstr. 3-5 / D-45259 Essen
altenbernd@waldenser-freundeskreis.de
www.waldenser-freundeskreis.de
KD-Bank, Duisburg
Kto.-Nr. 1011553016   BLZ 350 601 90

 

Evangelischer Bund
Arbeitswerk der Ev. Kirche in Deutschland
Ernst-Ludwig-Str. 7 / D-64625 Bensheim
Ev. Kreditgenossenschaft Kassel
Konto: 400 1532 / BLZ 520 604 10
IBAN: DE87 5206 0410 0004 0015 32

 

Deutsche Waldenservereinigung e.V.
Henri-Arnaud-Haus / D-75443 Ötisheim
Ev. Kreditgenossenschaft Kassel
Konto: 413 127 / BLZ 520 604 10

 

Arbeitsgemeinschaft Evangelische
Schülerinnen- und Schülerarbeit

Otto-Brenner-Str. 9 / D-30159 Hannover
KD-Bank, Duisburg
Konto: 1011 813 026 / BLZ 350 601 90

 

Alle vier Or­ga­ni­sa­tio­nen sind be­rech­tigt, steu­er­ab­zugs­fähi­ge Spen­den­quit­tun­gen aus­zu­stel­len; ver­ges­sen Sie bei der Über­wei­sung bit­te nicht Ih­ren eige­nen Na­men und Ih­re Adres­se an­zu­ge­ben.

 

  Schweiz / Suisse / Svzizzera / Svizra
PC: Ass. des Amis Suisses
Verein Schweizer Freunde
Servizio Cristiano Riesi
c/o Ines Rivera
Colmarerstrasse 116
CH-4055 Basel
IBAN: CH92 0900 0000 1968 4641 0
oder Post-Kto. 19-684641-0 Basel

 

France
Amis français de Riesi
6B, cours de la Liberté
F-69003 Lyon
CCP 1364322 P.Paris

 

Italia
Servizio Cristiano - Istituto Valdese
Via Monte degli Ulivi 6 / I-93016 Riesi (CL)
info@serviziocristiano.org
www.serviziocristiano.org
Banca Unicredit Spa
Agenzia di Riesi
IBAN: IT 69 U 02008 83410 000300108587
SWIFT BIC: INICRIT1I97

 

USA
American Waldensian Society
PO Box 398 - Valdese, NC 28690
Cheques have to be made to “American Waldensian Society for Servizio Cristiano, Riesi”

 

UK
Donald Hood
17 Cottage Road, Headingley
LEEDS LS6 4DD
Schweiz / Suisse / Svzizzera / Svizra
PC: Ass. des Amis Suisses
Verein Schweizer Freunde
Servizio Cristiano Riesi
c/o Ines Rivera
Colmarerstrasse 116
CH-4055 Basel
IBAN: CH92 0900 0000 1968 4641 0
oder Post-Kto. 19-684641-0 Basel

 

France
Amis français de Riesi
6B, cours de la Liberté
F-69003 Lyon
CCP 1364322 P.Paris

 

Italia
Servizio Cristiano - Istituto Valdese
Via Monte degli Ulivi 6 / I-93016 Riesi (CL)
info@serviziocristiano.org
www.serviziocristiano.org
Banca Unicredit Spa
Agenzia di Riesi
IBAN: IT 69 U 02008 83410 000300108587
SWIFT BIC: INICRIT1I97

 

USA
American Waldensian Society
PO Box 398 - Valdese, NC 28690
Cheques have to be made to “American Waldensian Society for Servizio Cristiano, Riesi”

 

UK
Donald Hood
17 Cottage Road, Headingley
LEEDS LS6 4DD

Nachrichten aus Riesi

Wenn Ihr die Nach­rich­ten aus Rie­si er­hal­ten oder ver­schen­ken wollt, schreibt uns: für eine pdf-Ver­si­on: info@serviziocristiano.org,
für die ge­druck­te Aus­ga­be: Ser­vi­zio Cris­tia­no, via Mon­te de­gli Uli­vi 6, I-93016 Rie­si (CL)
Auch mit die­ser Lek­tü­re könnt Ihr un­se­re Ak­ti­vi­tä­ten un­ter­stüt­zen. Dan­ke.


AASR — Associazione Amici Svizzera Riesi
(Verein der Schweizer Freunde des Servizio Cristiano – Riesi)

Zurück

HTML_5

Er­folg­rei­che Va­li­die­rung Web-Stan­dart "HTML_5".