Erfahrungsbericht einer Freiwilligen in Riesi

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Meine Zeit im «Servizio Cristiano» in Riesi

von Julia Rüegger, Basel — im Februar 2013

Am Sonn­tag, dem 30. Sep­tem­ber, als es schon dun­kel war, kam ich in Rie­si an und wur­de zum Glück von einer Mit­ar­bei­te­rin ab­ge­holt, denn ob­wohl es nicht all­zu lan­ge dau­ert, sich in Rie­si mehr oder we­ni­ger aus­zu­ken­nen, hät­te ich das Ser­vi­zio al­lei­ne nicht auf An­hieb ge­fun­den. Es liegt ein paar Hun­dert Me­ter aus­ser­halb des Städt­leins, ob­wohl die Stadt mit­tler­wei­le bis zum Ser­vi­zio reicht, auf einem Hü­gel. Als ich dann bei Ta­ges­licht das gan­ze Ge­län­de sah, war ich schon ziem­lich be­ein­druckt: Oben, recht na­he bei­ein­an­der, lie­gen die Schu­le, der Kin­der­gar­ten, das Gäs­te­haus und das Haus der Frei­wil­li­gen. Da­rum her­um liegt das Oli­ven­feld und die rest­li­che land­wirt­schaft­li­che Flä­che, von der ich in den 3 Mo­na­ten nur einen Bruch­teil ge­se­hen ha­be. Man kann sich in dem Oli­ven­hai­ne recht schnell ver­lie­ren, hat aber die Oran­gen­bäu­me di­rekt vor dem Haus.

Das be­leb­te­re und ar­chi­tek­to­nisch sehr schön ge­stal­te­te Ge­län­de des Ser­vi­zio ist na­tür­lich der Kin­der­gar­ten und die Schu­le, so­wie der “Pau­sen­hof” und der Spiel­platz. Im Kin­der­gar­ten, wo ich ge­ar­bei­tet ha­be, wa­ren ca. 50 Kin­der, von de­nen die meis­ten 4½ Jah­re alt wa­ren; es gab aber auch ein paar Jün­ge­re. In der Ar­beit im Kin­der­gar­ten ist im­mer viel los, sei es beim Ka­len­der bas­teln, Tanz­auf­füh­rung pla­nen oder schon beim täg­li­chen, mehr oder we­ni­ger rou­ti­ne­haf­ten Bas­teln, Es­sen, die Kin­der zum Schla­fen brin­gen. Die Kin­der sind sehr leb­haft, was mir per­sön­lich — aus­ser wenn sie all­zu wild wa­ren — gut ge­fal­len hat, auch wenn es si­cher an­stren­gen­der war als bei einem Kin­der­gar­ten in der Schweiz. Die Stim­mung im Kin­der­gar­ten ist da­für meis­tens fröh­lich, und auch mit den drei Kin­der­gärt­ne­rin­nen ha­ben wir uns su­per ver­stan­den. Ob­wohl wir oft das Ge­fühl hat­ten, mit zwei Frei­wil­li­gen eigent­lich zu we­ni­ge für 50 Kin­der zu sein, ging es ir­gend­wie. Und man lernt, dass Über­for­de­rung auch ein­mal da­zu ge­hört. Die Kin­der sind neu­en Frei­wil­li­gen ge­gen­über meist sehr of­fen und ge­wöh­nen sich schnell an einen. Je län­ger man im Kin­der­gar­ten ar­bei­tet, des­to mehr Auf­ga­ben kann man sel­ber über­neh­men, und des­to mehr traut man sich auch sel­ber zu. Auch ich, ob­wohl ich vor­her nie gross mit Kin­dern zu tun hat­te, bin schnell in die Ar­beit hin­ein­ge­wach­sen. Ich ha­be die Kin­der al­le schnell ins Herz ge­schlos­sen und dank ih­nen auch auto­ma­tisch ita­lie­nisch ge­lernt, zu­min­dest so, dass ich mich ir­gend­wie durch­schla­gen konn­te. Aber na­tür­lich ist die Ar­beit selbst nur ein Teil der gan­zen Er­fah­rung eines Frei­wil­li­gen­diens­tes in Rie­si.

Am Abend bleibt viel Zeit, die wir Frei­wil­li­gen meis­tens ge­mein­sam im Auf­ent­halts­raum ver­bracht ha­ben. Meis­tens ha­ben wir “Sco­pa” ge­spielt, das si­zi­lia­ni­sche Na­tio­nal­spiel, das man an je­dem Ki­osk kriegt, oder Fil­me ge­schaut oder ein­fach nur ge­re­det. Da man in Rie­si nicht wirk­lich viel ma­chen kann, ha­ben wir uns oft da­für ent­schie­den, auch am Wo­chen­en­de zu Hau­se zu blei­ben, weil die Aus­sicht auf un­se­rer Ter­ras­se so­wie­so durch nichts zu top­pen war, be­son­ders bis Mit­te No­vem­ber, als es noch so warm war, dass wir uns stun­den­lang auf der Ter­ras­se son­nen konn­ten. Wann im­mer mög­lich ha­ben wir aber das Frei­wil­li­gen­auto ge­nom­men und an­de­re Frei­wil­li­ge in Pa­ler­mo oder Sci­cli besucht, so­wie das Welt­kul­tur­er­be in Agri­gen­to oder die Stadt Ca­ta­nia oder wir sind ans Meer ge­fah­ren. Die­se Aus­flü­ge sind sehr wich­tig, nicht nur we­gen dem Kon­takt un­ter den Frei­wil­li­gen, son­dern auch, weil man manch­mal weg muss aus Rie­si, wo ja Wohn- und Ar­beits­platz prak­tisch das­sel­be ist und es na­tür­lich auch nicht die viel­fäl­ti­gen Mög­lich­kei­ten einer Stadt gibt.

Aber fast im­mer, wenn wir ein Wo­chen­en­de weg wa­ren, sind wir auch wie­der gern zu­rück­ge­kom­men, und für mich, die ich im­mer in der Stadt ge­lebt ha­be, war es schön, ein­mal auf dem Land zu woh­nen.

Es ist manch­mal eine Her­aus­for­de­rung, dass in Rie­si so we­nig los ist, weil man da­durch viel mehr Zeit zur Ver­fü­gung hat, die man ir­gend­wie her­um­brin­gen muss, so dass die Ge­sell­schaft mit an­de­ren Frei­wil­li­gen und Mit­ar­bei­tern und Ein­hei­mi­schen sehr wich­tig sind. Zu un­se­ren Frei­wil­li­gen-Tra­di­tio­nen ge­hör­te es, am Frei­tag­abend Piz­za zu es­sen. Wäh­rend es sonst im Me­nü­plan kaum Va­ria­tio­nen gibt, weil es je­den Wo­chen­tag so­wohl für die Schü­ler wie für uns ge­nau das­sel­be gibt, ge­nos­sen wir es, am Wo­chen­en­de auch mal Pfann­ku­chen oder et­was an­de­res zu ko­chen, und die Piz­za­viel­falt ist wirk­lich un­heim­lich gross… Ich ha­be es nie ge­schafft, mich ganz durch die Lis­te der Piz­za­sor­ten zu le­sen. Piz­za es­sen kann man auf je­den Fall auch auf der Piaz­za Ga­ri­bal­di, dem be­leb­tes­ten Ort und Zen­trum von Rie­si.

So­bald man die Haupt­stras­se ver­lässt, ent­deckt man auch sehr schö­ne ita­lie­ni­sche Gas­sen und vie­le klei­ne Kir­chen. Da­zwi­schen hat man im­mer mal wie­der frei­en Blick auf die um­ge­ben­de Land­schaft, die auf der einen Sei­te karg und ge­bir­gig, und auf der an­de­ren be­reits sehr frucht­bar ist; dort wach­sen dann die Oli­ven.

Ich ha­be in der Zeit im Ser­vi­zio ei­ni­ges über die si­zi­lia­ni­sche Kul­tur ge­lernt, die sich be­stimmt sehr von der Fest­lands­kul­tur un­ter­schei­det, zu­min­dest vom Nor­den Ita­liens… Das Ge­fühl, auf einer In­sel zu le­ben, war für mich auch ein sehr be­son­de­res Ge­fühl, man fühlt sich ver­bun­de­ner mit dem Rest als in einem gros­sen Fest­land, und das ob­wohl man in den gros­sen Städ­ten wie Pa­ler­mo oder Ca­ta­nia durch­aus das Ge­fühl ha­ben könn­te, auf dem Fest­land zu sein, wenn da nicht im­mer das Meer wä­re. Den Ät­na konn­te ich lei­der nicht be­su­chen, da­für hat­te ich zu we­nig Zeit, aber die Viel­falt der In­sel wur­de mir schon auf un­se­rer ers­ten Auto­fahrt durch die In­sel be­kannt. Und im Ser­vi­zio selbst ha­be ich durch die Ar­beit und das Zu­sam­men­le­ben in der Frei­wil­li­gen-WG et­was er­lebt, was man sonst beim Rei­sen sel­ten er­lebt. Ich wür­de einen frei­wil­li­gen Dienst all je­nen em­pfeh­len, die ein Zwi­schen­jahr ma­chen wol­len, und die es schät­zen, wenn die­ses Zwi­schen­jahr gut or­ga­ni­siert ist. Ob man als Frei­wil­li­ge/r viel Frei­heit und Ab­wechs­lung er­fährt, hängt sehr da­von ab, ob man selbst die Ini­tia­ti­ve zu Aus­flü­gen und Kon­tak­ten er­greift. Gleich­zei­tig gibt einem die frei­wil­li­ge Ar­beit und das Netz der Frei­wil­li­gen, so­wie Kon­takt zu Ein­hei­mi­schen sehr viel zu­rück und ist de­fi­ni­tiv eine be­son­de­re Art von Aus­land­er­fah­rung, bei der man ganz an­de­re Men­schen ken­nen­lernt und an­de­res er­lebt als zu Hau­se im ge­wohn­ten Um­feld.


 

AASR — Associazione Amici Svizzera Riesi
(Verein der Schweizer Freunde des Servizio Cristiano – Riesi)

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